Verstehen
Aus Stilus
Liebe Leser (und ganz besonders liebe Larisa), ich bitte Sie einfach meine Texte so zu verstehen, wie sie gemeint sind: ironisch!
Elisabeth in Ufa
So geht's eben nicht. Wer schreibt, muss damit rechnen, dass jede Leserin und jeder Leser das Geschriebene anders versteht. Jeder Gedanke, auch wenn ich ihn kristallklar vor meinem geistigen Auge sehe, kommt - in Worte gefasst - bei meinem Gegenüber unscharf an. Wenn ich zu vielen spreche, kommt bei jedem Gegenüber ein anderes unscharfes Bild an. Könnte man diese Bilder übereinanderlegen, würde ein noch viel verschwommeneres Bild meines ursprünglichen Gedankens entstehen.
Kommunikation ist überhaupt nur möglich durch ein System von Rückkopplungen. Wenn zwei Menschen miteinander kommunizieren, ist es noch recht einfach. Der Hörer kann sein Bild des empfangenen Gedankens wiederum in Worte fassen und an die Sprecherin zurückschicken. Die Sprecherin kann das Bild, das sie zurückbekommt, mit ihrem ursprünglichen Gedanken vergleichen und entsprechende Korrekturen abschicken. Der Vorgang kann solange wiederholt werden, bis beide mit der erzielten Übereinstimmung zufrieden sind. Eine vollständige Übereinstimmung können sie nicht erreichen.
Wenn viele Menschen miteinander kommunizieren, wird der Vorgang natürlich viel komplexer. Eine direkte Rückkopplung zur Sprecherin ist oft nicht möglich. Doch ich vergleiche Bilder, die bei mir ankommen, mit Bildern, die bei anderen ankommen. Nicht nur ganze Zeitungsartikel, komplette Fernsehkommentare, sondern einzelne Wendungen, Bruchstücke von Gedanken, witzige Formulierungen, einzelne Wörter. Aus diesem ständigen Wechsel von Senden, Empfangen, Zurücksenden, Weitersenden, Vergleichen und Ausprobieren ergibt sich ein ständig fließendes, niemals ganz übereinstimmendes gemeinsames Sprachverständnis.
Grobe Missverständnisse werden schnell bereinigt. Die Bedeutungen von Brechmittel und Delikatesse wird niemand lange verwechseln. Doch man kann lange und gut leben ohne den Unterschied zwischen Schabracke und Scharmützel zu kennen.
Je besser ich meine Leserschaft kenne, um so besser kann ich mich ihr verständlich machen. Familienmitglieder oder gute Freunde können oft so miteinander sprechen, dass kein Außenstehender sie verstehen kann. Sie teilen miteinander Erfahrungen und Traditionen, die niemand anderer kennt. Zu wem spreche ich also? Spintisiere ich nur so für mich dahin? Spreche ich zu Familie und Freunden? Zu Berufskollegen? Zu Menschen meiner eigenen Bildungsstufe? Zu Menschen meiner eigenen Generation? Zu Menschen, die einer bestimmten Religion oder Ideologie anhängen? Zu meinen Landsleuten? Zu Menschen einer bestimmten Schicht oder Klasse? Welche Erfahrungen teilt meine Leserschaft, welche Kenntnisse, welche Gewohnheiten, welche Moralvorstellungen, welche Vorurteile, welche Art von Humor, welche Art von Feierlichkeit, welche Förmlichkeiten?
Wer sich verständlich machen will, muss vor allem eines können: verstehen.

